letters Gratis bloggen bei
myblog.de


www.kurzgeschichtenschreiben.ch.vu
+ Home
+ News
+ About Me
+ So geht's
+ Mitschreiben
+ Fertige Kurzgeschichten
+ Schreibtagebuch
+ Projekte
+ Veröffentlichungen
+ Daten
+ G*Book
+ Contact
+ Abonnieren
+ Links

+ Tagebuch Archiv /:/ Altes Tagebuch


Design//Host


© by Sandra Jordi-Halter 2006-2008
KLEINER FEHLER, GROSSE FOLGEN


Seit 20 Jahren leitete ich nun schon die Abteilung bei der Versicherung, für die ich angestellt war. Noch nie war mir so etwas passiert, aber schliesslich ist einmal das erste Mal und das versuchte ich auch meinem Chef zu erklären der leider ein sehr konservativer Mann war. Seit fast 40 Jahren nun schon auf diesem Posten bestand sein ganzes Leben aus Routine und er reagierte sehr allergisch auf jede Änderung. Dass ich mit meinem Fehler den ganzen Betrieb für einen Tag lahmgelegt habe, konnte ich ja anfangs nicht ahnen. Und überhaupt, was regte er sich darüber auf? Es begann ja ganz harmlos, als ich morgens den ersten Kaffee in der Hand, an die Kopiermaschine trat, so wie jeden Morgen seit über zwanzig Jahren.
Dieser Kopierer arbeitete schon mindestens ebenso lange in dieser Abteilung wie ich, und somit war es nichts Besonderes, dass er gelegentlich seinen Dienst verweigerte.
Es erstaunte mich auch nicht im Geringsten, als beim Drücken der Kopiertaste nichts geschah.
Oft genug sah man den einen oder anderen Kollegen fluchend am Kopierer stehen, während sie versuchten, ihre eingezogene Kopiervorlage aus dem Inneren des Geräts zu bergen.
Ich öffnete also die Klappe des Papierfachs und sah prüfend hinein. In der Tat hatte sich ein handgeschriebenes Dokument unglücklich verheddert. Normalerweise vermisste jemand gleich nach dem Kopieren sein Original und behob den Stau, doch hier hatte dieser jemand entweder nicht aufgepasst oder es sehr eilig gehabt.
Vorsichtig darauf bedacht, es nicht zu beschädigen, entfernte ich das Blatt.
In diesem Moment machte ich den entscheidenden Fehler. Ich hätte das Fundstück ungelesen auf den Kopierer legen oder in den Papierkorb werfen und weiter meine Arbeit tun können, und alles wäre beim alten geblieben.
Doch unser Büro war technisch auf dem absolut neuesten Stand, und da handgeschriebene Dokumente eine Seltenheit waren, siegte die Neugier.
Ich redete mir ein, als Abteilungsleiter sei es mein gutes Recht, der Sache nachzugehen. Womöglich war hier im Büro Privates kopiert worden!
Ich begann zu lesen.
Als ich sah, was da stand stockte mir der Atem. Ich las den Text wieder und wieder und versuchte mir bereits zu überlegen, wie ich vorgehen sollte.
„Ihr seid doch alles reiche Säcke, die mit der unteren Schicht nichts zu tun haben wollt. Nehmt euch in Acht, denn heute werde ich etwas unternehmen!“
Eine Unterschrift suchte man auf dem Schriftstück vergeblich. Ich drehte und wendete es und sah schliesslich nur eine Lösung. Das Büro, ja die gesamte Geschäftstelle musste evakuiert und die Polizei benachrichtigt werden.
Aber wie kam denn das Schriftstück in diesen Kopierer? Anscheinend hatte jemand aus den eigenen Reihen es dahin gelegt?! Ich verstand gar nichts mehr. Trotzdem machte ich einen Anruf bei der Polizei, die sofort kam und wegen akuter Gefahr, dass etwas gefährliches passieren könnte alle nach Hause schickte.
Niemand verstand so recht, was da vor sich ging, aber man tat, was die Polizei sagte. Auch der Chef willigte schliesslich ein seine Firma einen Tag im Stich zu lassen, während die Polizei alles untersuchte.
Gegen Abend bekam ich vom Chef einen wütenden Anruf.
„Wenn sie das nächste Mal Alarm schlagen, dann lesen sie bitte das ganze Dokument oder noch besser, lesen sie gar nichts, was sie nichts angeht… Morgen werden übrigens alle wieder im Büro erscheinen“ Ich verstand nicht, doch als ich am nächsten Tag in mein Büro kam, ging mir ein Licht auf…
An der Wand hing der Zettel von gestern, in der gleichen Handschrift, aber das Dokument hatte eine zweite Seite.
Auf der ersten Seite stand, wie bereits bekannt:
„Ihr seid doch alles reiche Säcke, die mit der unteren Schicht nichts zu tun haben wollt. Nehmt euch in Acht, denn heute werde ich etwas unternehmen…“
Und dann kam die zweite Seite…
„Ihr müsst etwas mit der unteren Schicht teilen und heute um 17 Uhr im Sitzungsraum erscheinen, denn dort werdet ihr zusammen mit mir meinen Geburtstag feiern. Ausserdem wünsche ich euch allen noch, einen schönen 1. April… Wie schön es doch ist an einem solchen Tag Geburtstag zu haben.“ Unterzeichnet vom Geburtstagskind.
Nun war mir alles klar und statt der Bombendrohung oder der sonstigen Gefahr, die ich hinter dem Schreiben vermutet hatte, sass ich nach der Schelte bei meinem Chef nun im Sitzungsraum und ass Geburtstagskuchen.
Mein Fehler wurde mir inzwischen verziehen, aber noch immer danken mir alle für den freien Tag, den sie erhalten hatten und lassen mich nicht vergessen, dass ich ein wenig überzogen reagiert hatte. Aber schliesslich weiss man ja nie. Ich werde ihn nie vergessen diesen kleinen Fehler mit den grossen Folgen!

Autoren: Easy, Sabine und Halterli